Sind Selbstständige mit niedrigem Einkommen selber schuld?

By Annja Weinberger | Allgemein

Jun 03

Ungefähr 70 Prozent der Kunden, die in den vergangen drei, vier Jahren zu mir gefunden haben, steckten eindeutig und auf lange Zeit in finanziell prekären Verhältnissen. Ungefähr 30 Prozent ganz und gar nicht.

Diese Erfahrung hat mein Bild auf die Selbstständigkeit verändert.

Ich untersuche mehr die Schattenseiten. Hier ein Blick in Statistiken.

In Dokumenten des DIW heißt es:

https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.496888.de/15-7-4.pdf

„Bei Solo-Selbständigen ist die Streuung der Einkommen besonders hoch, sie erwirtschaften also sowohl sehr niedrige als auch überproportional hohe Einkommen.“

Und

Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten als Solo-Selbständige, also auf eigene Rechnung und ohne Angestellte. Zwischen 2000 und 2011 ist die Zahl dieser Ein-Personen-Unternehmen einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zufolge um rund 40 Prozent auf etwa 2,6 Millionen angewachsen. Damit sind mittlerweile rund 57 Prozent aller Selbständigen in Deutschland Solo-Selbständige. Immer öfter arbeiten sie in künstlerischen Berufen, als Lehrer, Publizisten, Psychologen oder in pflegerischen Berufen, immer seltener im Handwerk. Sie sind im Durchschnitt besser qualifiziert als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, nicht aber besser verdienend. Rund ein Drittel von ihnen müsste dem Niedriglohnsektor zugerechnet werden, fand DIW-Arbeitsmarkt-Experte Karl Brenke heraus.

Andere Zahlen (siehe unten) weisen darauf hin, dass ungefähr ein Drittel der Selbstständigen in finanziell prekären Verhältnissen leben, zwei Drittel nicht.

Bei meiner Kundschaft ist es umgekehrt.

Zwei Drittel meiner Kunden haben niedrige Einkommen, ein Drittel haben hohe Einkommen.

Warum haben mehr Selbstständige mit niedrigen Einkommen als Selbstständige mit hohen Einkommen zu mir gefunden?

Das wird wohl nicht nur einen, sondern eine Menge Gründe haben.

Es kann an meinem Marketing, an meinen Botschaften liegen. Vielleicht auch an persönlichen Eigenschaften von mir. Es kann der Zufall mit im Spiel sein. Es kann an meiner Spezialisierung auf Solo-Selbstständige aus der Beratungs-, Wissens- und Kreativbranche (Berater, Coachs, Trainer, Kreative u.Ä.) liegen …

Knapp ein Drittel der Selbstständigen verfügen über ein Einkommen von nur 787 Euro im Monat

Dass es für manche Solo-Selbstständige  finanziell besonders eng wird, ist ablesbar an Schulden bei  Krankenversichungen, deren Beiträge einige Bundesländer für unangemessen hoch halten:

http://www.tagesspiegel.de/politik/solo-selbstaendige-in-der-krankenversicherung-die-beitragslast-ist-zu-hoch/19362616.html

die meisten Beitragsschuldner sind kleine Selbständige. Und es werden immer mehr. Im Dezember 2016 standen die Selbstzahler bei der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nach Tagesspiegel-Recherchen mit sechs Milliarden Euro in der Kreide. Im Januar des gleichen Jahres betrugen die Außenstände noch 4,48 Milliarden. Im Jahr davor lag der der Wert bei 3,24 Milliarden und 2011 bei lediglich einer Milliarde Euro. (…)

Die Krankenkassen-Beiträge werden in der Regel wie folgt berechnet:

Zur Beitragsberechnung wird ihnen einfach ein monatliches Mindesteinkommen unterstellt, von dem viele Kleinunternehmer nur träumen können.

Aktuell liegt es bei 2.231,25 Euro. Macht, mit Krankengeldanspruch und Pflegeversicherung, im Schnitt etwa 407 Euro im Monat für die Krankenkasse. Nur in besonderen Härtefällen, etwa einer Existenzgründerphase, lässt sich die Bemessungsgrenze noch mal um ein weiteres Drittel senken – auf 1487,50 Euro. Die Krankenversicherung will dann durchschnittlich 271 Euro. Weniger geht nicht.

Tatsächlich kommt fast ein Drittel der gesetzlich versicherten Selbständigen – 600.000 von insgesamt 2,16 Millionen – im Schnitt grade mal auf ein Einkommen von 787 Euro im Monat. Zu 82 Prozent handelt es sich dabei um Solo-Selbständige. Diese Gruppe habe durchschnittlich 46,5 Prozent ihrer Einkünfte für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) aufzuwenden, heißt es in einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK aus dem Jahr 2016.

492.000 Solo-Selbstständige verfügten 2016 im Schnitt über ein Einkommen von 787 Euro im Monat und müssen davon im besten Fall 271 Euro Krankenversicherung bezahlen. Bleiben 516 Euro im Monat übrig.

Jetzt ist mir sehr wichtig folgendes zu sagen:

Solo-Selbstständige mit sehr niedrigen Einkommen, die vielleicht sogar schon in die Schuldenfalle geraten sind, sind nicht zu 100 Prozent selber schuld an ihrer schwierigen Lage!

Äußere Umstände spielen neben persönlichem Verhalten sehr wohl auch eine Rolle beim Generieren von Einkommen. Übersättigte Märkte, nicht marktgerechte Angebote, auf die die Solo-Selbstständigen zwar Lust haben, aber die angesprochene Zielgruppe nicht, fehlendes Kapital / zu geringe Kredite fürs Durchhalten, zu hohe Kosten für Krankenkassenbeiträge zum Beispiel, Ausfallzeiten durch Krankheit, wegbrechende Aufträge – all das kann sich negativ auf den Gewinn auswirken.

Leider denken viele Solo-Selbstständige in finanziell schwierigen Lagen, dass Sie komplett selber schuld seien an ihrer Misere und dreschen auf sich ein.

Das wurde und wird Menschen auch leider oft und immer wieder eingeimpft:

Du bist ein Versager und völlig selber schuld, wenn du kein ausreichend hohes Einkommen generierst – du bist wahrscheinlich fachlich und persönlich nicht kompetent genug oder faul oder dumm oder ungeschickt oder blauäugig …

Das stimmt nicht.

Es mag schon sein, dass manche Menschen fachlich und persönlich nicht kompetent genug für eine bestimmte Arbeit sind oder faul oder dumm oder ungeschickt oder blauäugig … sind.

Aber ein Mensch mit einem niedrigem Einkommen, von dem sich ohne Rücklagen oder Plünderung eigener Versicherungen oder Anleihen von Familien und Freunden oder Aufnahme von Bankkrediten oder Beantragen von Hartz IV nicht lange leben lässt, ist kein Versager und an allem völlig selber schuld.

Kürzer:

Kein Mensch ist ein Versager und an allem völlig selber schuld.

Auch richtig:

Kein Mensch ist ausschließlich ein Opfer äußerer Umstände, das für nichts selber verantwortlich ist.

Damit will ich sagen: Schwarz-Weiß ist mir zu undifferenziert und bringt nicht weiter.

Doch was ist jetzt mit der Ansicht, die ich sehr oft lese und höre:

Jeder ist seines Glückes Schmied, jeder ist voll verantwortlich für alles in seinem Leben und bekommt immer genau, was er verdient

Eine Ansicht, die ich in verschiedenen Schattierungen lese und höre. Mal sanfter, eher spirituell, liebevoll gemeint: nimm dein Leben in die Hand, komm raus aus dem Dramaland, entdecke deine Stärken, arbeite smarter. Das habe ich lange selber verfochten und es ist ja auch was dran, nur führt es leider bei vielen Menschen zu Schuldgefühlen, wenn es dann bei allem smarter werden doch nicht klappt. Mal ist es heftiger und aggressiver oder provozierender gemeint: Jammer nicht, krieg deinen Arsch hoch, lern deine Lektionen, pack es an.

Sehe ich nicht so. Ist mir zu extrem.

Ich habe einen schlimmen Verdacht

Dass die verbreitete Ansicht „komplett selber für alles verantwortlich“ und die Schuldgefühle vieler finanziell nicht erfolgreicher Selbstständiger erstens etwas miteinander zu tun haben und zweitens eine gesellschaftlich entworfenes Unterdrückungsmethode sein könnte.

Methode Vereinzelung – die Ansicht: Jeder Mensch ist einzig und allein selber für seine Lage verantwortlich, ist ja sehr nützlich. Wer glaubt, er sei komplett selber schuld, schließt sich nicht zusammen, geht nicht auf die Barrikaden zum Beispiel für angemessenere Krankenkassenbeiträge, sondern bleibt isoliert und schämt sich.

Niedriges Einkommen oder Hartz IV oder Schulden oder Pleite sind aber kein Grund, sich zu schämen!

Es sei denn, Sie haben die Misere absichtlich herbeigeführt, um sich und anderen Menschen damit zu schaden. Dann halte ich Schuld- und Scham-Gefühle für angebracht, um ein Umdenken zu initiieren und Verantwortung zu übernehmen.

Was denken Sie?