Stolz auf die eigene Herkunft

By Annja Weinberger | Allgemein

Mrz 29

Ich freue mich, einen Gastbeitrag von Ingrid Meyer-Legrand _ Systemische Praxis Berlin – Brüssel – veröffentlichen zu können. Ingrid Meyer-Legrand ist Systemische Therapeutin und stellt heute ihre spannende Genogramm-Arbeit vor. Seit einigen Jahren hat sie den Umgang mit der Herkunftsfamilie zu einem besonderen Schwerpunkt gemacht. In der Berliner Urania begann Sie vor sechs Jahren Workshops mit dem Titel „Immer noch auf der Flucht?“ anzubieten und kümmert sich seitdem intensiv um das Thema Kriegsenkel mit ihrem schwierigen Erbe

Ein gutes Beispiel für das Besetzen eines so genannten „Nischenthemas“, das über mehrere Jahre hinweg aufgebaut und vertieft wurde. Wobei die hier angesprochene Nische alles andere als klein ist. Angesprochen sind alle Menschen, deren Herkunftsfamilie der Generation des 2. Weltkriegs angehört haben.

Zu den Lesern und Leserinnen meines Blogs gehören viele Coachs und therapeutisch arbeitende Selbstständige. Auch deshalb freue ich mich über diesen Beitrag, der wunderbare Impulse gibt:

Stolz sein auf die eigene Familie schafft Selbstbewusstsein!

Die Ressourcen der Herkunftsfamilie für den eigenen beruflichen Erfolg zu nutzen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber für viele nicht und daran sind auch die Psychotherapeuten nicht ganz unschuldig. Denn Jahrzehnte lang wurde sozusagen „familiy-bashing“ betrieben. „Eltern-Kind-Neurose“ , „Patient Familie“ – sind Buchtitel eines renommierten Psychoanalytiker (H. Richter), die darüber beredt Zeugnis ablegen. Die Familie galt als Brutstätte der Neurosen, als Ort, wo es schlimme Geheimnisse gab, wo unmittelbare Angehörige in schwere Verbrechen während der NS-Zeit verwickelt waren und deren Nachkommen wiederum von ebendiesen Verbrechen, denen sie als Kinder schutzlos ausgesetzt waren, traumatisiert worden sind. Auch die Kriegsenkel, die Nachkommen dieser einstigen Kriegs- und Flüchtlingskinder liegen überkreuz mit ihren Familien: Sie haben oftmals von Kindesbeinen an für diese z.T. schwer traumatisierten Kriegskinder, ihren Eltern, sorgen müssen und schon früh hat hier eine Rollenumkehr stattgefunden: Die Kinder wurden zu Eltern ihrer Eltern und haben alles getan, um ihre Eltern zu retten. Häufig blieb ihre Seele dabei auf der Strecke. Denn sie selbst wurden mit ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht gesehen. Oft bis heute. Dieser Hintergrund ist es, den viele aus den 50er, 60er, 70er Jahrgängen nicht ankommen lassen in ihren Berufen oder im Privatleben.

Und hier beginnt auch die Krux mit den Ressourcen. Lade ich meine Klienten_innen im Rahmen unserer gemeinsamen Arbeit ein, über Dinge, Haltungen und Werte in ihrer Familie zu sprechen, auf die sie stolz sein können, damit sie sie privat und beruflich für sich nutzen können , weichen sie aus und werden einsilbig. Viele befürchten, wenn sie anfangen, über Ressourcen ihrer Familie zu sprechen, nicht mehr über ihr Leid sprechen zu dürfen. Sie denken, dass sie ihren Eltern für all’, das, was sie ihnen angetan haben, zuerst verzeihen müssten. Legen wir aber den Fokus allein auf das Verzeihen, ist schnell das Gegenteil der Fall: Jede weitere Entwicklung gerät ins Stocken. Daher ermutige ich eher dazu, so lange über den Schmerz zu sprechen, wie dieser noch weh tut bzw. bis dieser Teil Frieden gefunden hat. Ansonsten fühlt sich ein Teil dieser Person erneut verraten. Erst vor diesem Hintergrund ist es möglich, über die Ressourcen zu sprechen.

Der Familienstammbaum (Genogramm) als Möglichkeit, verschiedene Vergangenheiten zu entdecken

Denn zugleich sehe ich, dass es das Selbstbewusstsein der Einzelnen beruflich und privat stärkt, wenn sie stolz auf ihre Herkunftsfamilie sein können. Dass sie in die Kraft kommen. Denn die Auffassung, die jemand von seiner Herkunftsfamilie oder Vergangenheit hat, hat sofort Auswirkungen auf die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft. Alle wollen den Rückenwind einer kraftvollen Familie spüren und nutzen!

Und umgekehrt wiederum wird unser Blick auf die Vergangenheit bzw. in die Herkunftsfamilie aus den aktuellen Rollen und Kontexten heraus, in denen wir uns bewegen und den daraus resultierenden Herausforderungen an uns, bestimmt.

Das heißt: Wir haben, je nach dem, was uns aktuell bewegt, unterschiedliche Vergangenheiten, aus denen wir dann natürlich auch schöpfen können. Welche Vergangenheit haben Sie heute, wo Sie erfolgreich sind? Welche hatten Sie, als Sie noch ganz am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn standen?

Mit Hilfe der Arbeit mit dem Familienstammbaum (Genogramm) ist es möglich, das Bild von Vater oder  Mutter zu differenzieren, damit nicht nur die „dominante“ Erzählung vorkommt, sondern auch alternative – häufig auch glückliche – Geschichten. Fragen Sie sich einmal, was es bei Ihnen bewirkt, Eltern (gehabt) zu haben, die glücklich, die sogar einmal verliebt waren? Was bewirkt es, wenn Sie sich Ihre Mutter oder Vater in einer Lebensphase vorstellen, als „die“ (noch) voller Liebe für Sie waren? Durch die Differenzierung „der“ Vergangenheit in „verschiedene Vergangenheiten“ können schnell „alternative“ Geschichten entdeckt werden, so dass selbst eine dunkle Vergangenheit sehr lichte Momente bekommt.

Eine weitere, schnelle und sehr effektive Weise, aus der Vergangenheit Ressourcen für den Umgang mit aktuellen Fragen heraus zu holen, besteht darin, gleich mehrere Generationen zu untersuchen. Auf diesem Weg können Sie richtige Schätze aus Ihrer Familie einsammeln.

Befragen Sie Ihre große Herkunftsfamilie innerlich, was sie Ihnen in Ihrer jetzigen Situation raten würde. Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis, von einer Klientin – ich nenne sie hier Frau P. – , die sich in ihrem neuen, sehr anspruchsvollen Job zurechtfinden und sich vergewissern wollte, wo sie steht. In ihrer großen Verwandtschaft war das gesamte Handwerk vertreten. Es gab einen Friseur, einen Mühlenbetreiber, eine Bäckerei, eine Sägerei und es gab auch eigene Häuser. Der Onkel, der die Bäckerei betrieben hat, hätte der Klientin gesagt: „Nimm das Leben und nähre dich. Vertraue darauf, dass du immer Brot zu essen hast.“ Diese Art „Segensspruch“ hat Frau P. eine große Gelassenheit in Bezug auf ihren neuen Job gegeben.

  • Wozu würde Ihnen Ihre Großmutter raten? Wozu ein entfernter Onkel?
  • Fragen Sie sich einmal, wer aus Ihrer großen Familie – Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel und Geschwister – daran beteiligt war, dass Sie heute Solo-Unternehmerin sind?
  • Wer war für Sie Vorbild, den Weg eines Künstlers zu gehen und allen Widerständen der übrigen Familie zu trotzen?
  • Was können Sie für Ihr Business aus den Fähigkeiten Ihrer Familie ziehen, z.B. mit Krisen umzugehen?
  • Welche ungeschriebenen Gesetze Ihrer Familie befolgen Sie bereits, um erfolgreich zu sein?

Auf diese Weise sammeln Sie mehr und mehr Schätze ein, die Sie für Ihren jetzigen beruflichen Erfolg und für ein gutes Leben nutzen können. Legen Sie eine Schatzkiste mit den Kompetenzen Ihrer Vorfahren an!

Sie haben Interesse an der Arbeit mit einem Genogramm? Für TherapeutInnen, Coaches und HeilpraltikerInnen biete ich am 9. April von 9 bis 17 Uhr in meiner Systemischen Praxis in Berlin einen Workshop an, in dem sie lernen, wie sie ein Genogramm erstellen, um alternative Geschichten einer Familie herauszufinden. Sie erfahren Details zur systemischen Gesprächsführung bei der Erstellung des Genogramms und lernen die Methode des „Reframings“ kennen: Wie können Ressourcen entdeckt werden, wo bislang nur Leid gesehen wird?

Weitere Infos dazu finden Sie hier auf meiner Website:meyer-legrand.eu

 

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